Forschungsprojekt

Johann Caspar Lavaters (1741-1801) Bedeutung ist in der Forschung allgemein anerkannt. Mit seinem komplexen Œuvre deckt er wesentliche Felder der als integrale Rekonstruktion von Lebenswelten verstandenen, disziplinübergreifenden Kulturgeschichte ab. Es reicht von der Frömmigkeits- und Kirchengeschichte über die Philosophie-, Literatur- und Kunstgeschichte bis in die Politik. 

Der Zürcher Schriftsteller und Theologe wirkte in seiner Heimatstadt als Pfarrer an der Waisenhauskirche, seit 1778 an der Stadtkirche St. Peter. Lavater gilt zu Recht als »eine der bedeutendsten und vielschichtigsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts« (Caflisch-Schnetzler 2007, S. 145), deren vielfältiges Wirken nicht nur in Zürich und der Schweiz, sondern weltweit Bedeutung besass. Im Lauf seines Lebens verfasste Lavater in kaum je nachlassender Tätigkeit »über vierhundert Werke, zahlreiche Sendschreiben und Beiträge, Tagebücher verschiedenster Art, über zwanzigtausend Briefe an über 1800 Adressaten und kaum mehr zu zählende Billets und Kärtchen« (Caflisch-Schnetzler 2007, S. 146). Die auf zehn Bände angelegten Ausgewählte Werke in historisch-kritischer Ausgabe (JCLW), die von 1998 bis 2016 an der Universität Zürich erarbeitet wurden, stellen mit ihrer Auswahl aus Lavaters theologischem, philosophisch-pädagogischem, poetischem, politischem und physiognomischem Schaffen die Kenntnis von Lavaters Werk auf eine neue Grundlage. Bereits während Lavaters Lebenszeit erregten insbesondere seine frühen Werke, die Schweizerlieder (1767), die Aussichten in die Ewigkeit (1768−1773/78), die beiden Tagebücher (Geheimes Tagebuch. Von einem Beobachter seiner Selbst, 1771; Unveränderte Fragmente aus dem Tagebuche eines Beobachters seiner Selbst, 1773) und die Schrift Von der Physiognomik (1772) sowie die nachfolgenden Physiognomischen Fragmente (1775−1778) die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen. Unbestritten ist die Ausstrahlung von Lavaters Œuvre insbesondere durch englische und französische Übertragungen und Bearbeitungen weit über den deutschen Sprachraum hinaus (Proß 1982, S. 746−750). 

Mit der Digitalisierung des gesamten Briefkorpus und der Erfassung der Metadaten wird im Editionsprojekt Johann Caspar Lavater: Historisch-kritische Edition ausgewählter Briefwechsel (JCLB) ein neuer Zugang zur Erschliessung des epistolografischen Materials und zur wissenschaftlichen Bearbeitung geleistet. Erstmals wird Lavaters vollständiges Brief-Œuvre und dessen Netzwerkstruktur synoptisch in seiner ganzen Komplexität und seinem Umfang gezeigt. Auf der neu geschaffenen Grundlage verfolgt das Editionsvorhaben das Ziel, eine repräsentative Auswahl aus Lavaters Briefwechseln in Form einer innovativen digitalen Edition und einer auf zehn Bände angelegten, daraus resultierenden Printausgabe vorzulegen. Aus dem Editionsprojekt ergeben sich wesentliche Impulse nicht nur für die Lavater-Forschung; durch die strukturierte Aufbereitung der Digitalisate und der Brieftranskripte sowie die Aufnahme von Metadaten werden darüber hinaus auch beste Voraussetzungen für die Erforschung der Wissensnetzwerke der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geschaffen. Lavateres epistolarisches Werk stellt zweifellos eines der wichtigsten Dokumente zur Geschichte der europäischen Aufklärung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dar. 

 

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